Ariel Muzicants Präsidentschaft 1998 bis 2012

Die langjährige IKG-Präsidentschaft von Ariel Muzicant geht in diesem Monat zu Ende. Angetreten, um die Gemeinde für die Zukunft zu rüsten, die Verwaltung zu reformieren, sind diese ökonomischen Ziele zu einem guten Teil auch erreicht worden – nicht zuletzt dank der jahrelangen Mitarbeit etlicher Mitglieder von Initiative Respekt!

Die Wiener Gemeinde hat heute sehr wahrscheinlich – gemessen an der Mitgliederzahl – die stärkste Infrastruktur in Europa: 12 Schulen und Ausbildungsstätten, 16 Synagogen und Bethäuser, das psychosoziale Ambulatorium ESRA, das Maimonides Zentrum, den Sportclub Hakoah und inzwischen zwei periodische Publikationen.

Wir könnten hier also viel mehr als 8.000 bis 10.000 Juden all das anbieten, was zu einem jüdischen Leben gehört. Das Präsidium unternimmt bekanntlich Anstrengungen, mehr, vor allem orthodoxe Juden nach Wien zu holen. Initiative Respekt! plädiert hier für mehr Gegenwartsbezug und meint,  die IKG sollte sich aktiv für die Aufnahme von Juden aus dem benachbarten Ungarn vorbereiten. Deren Situation ist sehr bedrohlich und durch die EU wäre eine Migration zumindest administrativ weniger problematisch.

Die von Ariel Muzicants Vorgänger Paul Grosz s.A. begonnenen Verhandlungen zur Restitution von erbenlosem Vermögen und Kunstwerken wurden weiter vorangetrieben. Mit Hilfe der großen Einmal-Zahlung in der Höhe von 18,2 Millionen Euro von Bund und Ländern  2005 konnte die hohe Verschuldung der IKG-Hoheit stark abgebaut werden, also nicht in erster Linie durch ein gutes Management…

2007 wurde der US-amerikanische Freundeskreis der IKG gegründet Dort gehen Spenden ein, die 2011 zum ersten Mal Projekten der IKG zugute kamen. Über deren Herkunft schweigt sich Ariel Muzicant jedoch aus. Eine seriöse IKG sollte die Quellen dieser Gelder zumindest den Verantwortungsträgern, also den Kultusräten, offenlegen.

Die Erhaltung der Einheitsgemeinde ist aus inner-und außerjüdischen politischen Gründen sehr wichtig, Mit der Ausrichtung auf das Orthodoxe Judentum als kleinster gemeinsamer Nenner können sich jedoch nicht alle identifizieren. Auch führt dies zum Beispiel zu enorm erhöhten Preisen für koschere Lebensmittel. Eine IKG, die für alle ihre Mitglieder da ist, sollte auch dafür sorgen, dass solche Wildwüchse gar nicht erst entstehen können. Der Verein Ohel Rahel unterstützt dankenswerter Weise die ärmeren religiösen Familien mit Gutscheinen. Das sollte nicht notwendig sein.

Insgesamt standen also in den Jahren von Ariel Muzicants Präsidentschaft die wirtschaftlichen Agenden sehr stark im Vordergrund. Viele vermissen Wärme, „Neshume“, ein reges geistiges Leben, die Zusammenarbeit mit den vielen jüdischen Intellektuellen, das Bewusstsein einer Schicksalsgemeinschaft, den gegenseitigen Respekt inner-und außerhalb unserer Gemeinde.

Dr. David Vyssoki, ehemaliger ärztlicher Leiter von ESRA und jetzt Beirats-Mitglied im Maimonides Zentrum hat dies, das Heim betreffend, sehr gut auf den Punkt gebracht: „Die Infrastruktur steht nun, die Phase der Konsolidierung läuft und jetzt ist es Zeit, Ethik, Menschlichkeit, Kultur hinein zu bringen“. Diese Perspektive sollte aus unserer Sicht auf die gesamte Gemeinde angewandt werden.

Mit Ariel Muzicants Übergabe seines Amtes und der kommenden Wahl im Herbst bietet sich jetzt endlich die Gelegenheit für grundlegende Veränderungen.

Es ist Zeit für eine neue, moderne Kultur in der IKG. Wir von der Initiative Respekt! konzentrieren uns ganz bewusst auf Themen. Wir sagen nicht einfach, wir wollen PräsidentIn werden. Wir haben ein präzises Programm für unsere Gemeinde, das da umfaßt: Menschlichkeit, Haltung, Offenheit, Zuhören, Antworten, Gesprächskultur inner-und außerhalb der Gemeinde, umfassende Information, wirtschaftliche Voraussicht, Raum auch für kontroversielle Ideen und Meinungen, Vermittlung jüdischer Ethik und Werte im 21. Jahrhundert, bedachter Umgang mit der Öffentlichkeit, und vieles mehr. In einem Wort: Respekt!

Tags: