Ein jüdisches Kaffeehaus in Wien

kaffeehaus

Im Kaffeehaus sitzen Leute, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.

(Alfred Polgar)

 

Die rund drei Jahre dauernde Diskussion um das koschere Restaurant in der Seitenstettengasse ist seit Jahresbeginn erfolgreich beendet. Drei Bewerber mit unterschiedlichen Konzepten sorgten ausreichend für Diskussionen über milchig, fleischig, vegetarisch sowie alle Mischformen, die innerhalb der Kaschrut-Regeln möglich sind. Im Januar-Plenum wurden dann zwei unterschiedliche Konzepte präsentiert. Das fleischige Restaurant unter Schalom Bernholtz mit DI Eduard Ferszt als Partner trug eindeutig den Sieg davon. IR wünscht viel Erfolg und freut sich schon auf die versprochenen Neuerungen!

Das zweite Konzept mit dem Arbeitstitel „JIP“, war als „Konkurrenzangebot“ noch zu neu und hatte auch zu wenig Vorbereitungszeit gehabt. Bereits in unserer ersten Publikation haben wir von Initiative Respekt! festgehalten, dass „ein ‚Jüdischer Freiraum’ – ein Raum für offenen Ideenaustausch geschaffen werden muss. Geistige Freiheit muss zugelassen und gefördert werden. Denn Vielfalt stärkt die Einheit.“

Verbinden, vernetzen, zusammenführen, informieren und Dienstleistungen innerhalb der jüdischen Gemeinde erbringen gehören zu den Aufgaben der IKG. Dazu brauchen wir eine „Anlaufstelle“ – einen Ort des Austauschs und der Kommunikation. Der beste Ort des Gedankenaustauschs ist und bleibt das Wiener Kaffeehaus.

Der „Jewish Infopoint Vienna/JIP“, das zweite Konzept, entstand aus einer Verbindung unserer Idee vom Literaturcafé als jüdischer Freiraum und der Öffnungspolitik von Präsident Deutsch: Es sollte ein Ort entstehen, an dem man zwischen Kaffee, kleinen koscheren Speisen, jüdischen Zeitungen und Zeitschriften, Büchern und Judaica, oder bei Veranstaltungen in die Welt des Judentums eintauchen kann.  Ein Ort der als Begegnungsstätte für Gespräche und Gedankenaustausch dient und wo Information und Kommunikation miteinander verbunden werden.

Das Wien zur Zeit des Fin de Siècle war gleichzeitig auch die Hochblüte der jüdischen Gemeinde und jüdisches Alltagsleben gehörte zum Straßenbild. Kaum eine Stadt Europas verfügt über eine solch enge Verknüpfung zwischen der Geschichte ihrer jüdischen EinwohnerInnen und dem Aufstieg zu einer Metropole des Geistes, der Wissenschaft und der Künste wie Wien. Und auch das Wiener Kaffeehaus hatte damals seine Blütezeit, als so genannte Kaffeehausliteraten wie Peter Altenberg, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Alfred Polgar, Karl Kraus, Stefan Zweig, Hermann Broch und Friedrich Torberg ihre Stammcafés zur bevorzugten Lebens- und Arbeitsstätte machten. Viele bekannte Künstler, Wissenschaftler, Techniker und Politiker der Zeit, darunter Egon Schiele, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Adolf Loos, Theodor Herzl, Siegfried Marcus oder auch Leo Trotzki, waren häufige Gäste im Kaffeehaus.

Seit fast 2000 Jahren leben Juden in Europa und waren den größten Teil dieser Zeit von den jeweiligen Machthabern aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Es ist an der Zeit, dass wir uns heute in die Gesellschaft des Landes, in dem wir leben, einbringen und auch in der europäischen Gesellschaft unseren Beitrag leisten.

Wir müssen der österreichischen Öffentlichkeit die Möglichkeit geben, sich ein umfassendes und differenziertes Bild der IKG, der jüdischen ÖsterreicherInnen und ihrer Religion machen zu können.

Um dieses Ziel zu erreichen, wollen wir informieren und Wissensdefizite über Juden und ihr Leben heute in Österreich mit verständlichem und kompetentem Grundlagenwissen füllen. Nur so können wir das  Verständnis zwischen Juden und Nichtjuden fördern.

Daher brauchen wir einen öffentlichen Ort, an dem das Judentum sichtbar werden kann.

Der Wunsch des Kultusrates war es, diesen Vorschlag weiter zu verfolgen. Wir werden weiter daran arbeiten, dass der Traum von einem neuen jüdi­schen All­tag auch im 1. Bezirk wieder Wirk­lich­keit wird.

/ aus Arbeitsbericht 03 | 2014