Flucht als Verbechen – von Susanne Scholl

scholl-fotoEuropa macht aus Menschen in Not Verbrecher und Österreich steht dabei in der vordersten Reihe.

 

Die Toten vor Lampedusa sind offenbar nicht genug. Nach einigen Krokodilstränen hat man was getan? Richtig! Die Lage der Flüchtenden verschlimmert. Neue Richtlinien für die berüchtigte Agentur Frontex sollen angeblich dazu dienen, weitere Tote im Mittelmeer zu verhindern. Tatsächlich dient aber Frontex insgesamt vor allem dem Zweck, die Menschen von Europa wegzuhalten.

Soweit, so europäisch. Österreich, das seiner internationalen Bedeutung ohnehin schon weitgehend verlustig gegangen ist, steht, was die Abwehr von Menschen auf der Flucht betrifft, immer ganz vorne in der Abweisungsfront. Gerade dieses Österreich, das eine historische Schuld zu tragen hat, die doch etwas größer ist, als die der meisten anderen europäischen Staaten, auch wenn diese hier keineswegs freigesprochen werden sollen.

Österreich jedenfalls bemüht sich redlich, keine Niederträchtigkeit auszulassen.

Ein paar willkürlich ausgewählte Beispiele.

Einer tschetschenischen Flüchtlingsfamilie wird erklärt, alles, was sie über Folter, Vergewaltigung, Verfolgung und Demütigung erzähle – Tatsachen übrigens, die inzwischen in aller Welt durch viele unabhängige Beobachter und Experten bestätigt sind – erlogen sei, weshalb sie auch zurück geschickt werden, wo der Vater sofort verschleppt wird, während die Mutter mit den kleinen Kindern ohne Geld und Papiere, dafür aber von der Polizei verfolgt, irgendwie zu überleben versucht.

Syrische Flüchtlinge, die aus Italien kommen und zu Verwandten nach Österreich oder Deutschland wollen, werden an der Brenner-Grenze abgefangen und umgehend zurück geschickt – ins Nichts. Und der Außenminister, der da noch Spindlegger hieß, erklärt großspurig, Österreich sei bereit 500 Notleidende aus Syrien aufzunehmen – Frauen, Kinder, vor allem aber Christen!

Das Wort vom vollen Boot kursiert ununterbrochen, obwohl die Zahl an Flüchtlingen, die sich bis Österreich durchschlagen, eigentlich vernachlässigbar und problemlos aufnehmbar wäre.

Wenn sie – zum Beispiel – arbeiten dürften und nicht gezwungen wären tatenlos herumzusitzen bis man ihnen mitteilt, daß sie nicht bleiben dürfen. Wenn man zum Beispiel Unterkünfte zur Verfügung stellen würde, die menschenwürdig sind.

Meine Großeltern lebten in einer ungeheizten heruntergekommenen Pension im Belgien ihrer Flucht und wurden ständig damit bedroht, zurückgeschickt zu werden. Wenn ich heute erlebe, wie Menschen, die hier in Österreich Zuflucht suchen, ebenso behandelt werden, empört mich das vielleicht auch deshalb ganz besonders. Und ich denke, daß  wir das nicht einfach so hinnehmen dürfen, daß wir laut dagegen auftreten müssen, gerade wir mit unserer Geschichte.