Grass geht uns Alle etwas an

Der deutsche Schriftsteller Günther Grass, 1999 als 72jähriger mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, hat dreizehn Jahre danach ein Gedicht geschrieben, „gealtert und mit letzter Tinte“. Er nennt es: „Was gesagt werden muß“. Es wurde am 4. April 2012 in der „Süddeutschen Zeitung“ und in „Repubblica“ veröffentlicht. Die „New York Times“ lehnte einen Abdruck ab.

In neun Strophen erklärt Grass, warum er, der – bis knapp vor seinem 80. Geburtstag – seine Mitgliedschaft bei der Waffen-SS verschwiegen hatte, nun „nicht mehr“ schweigen will. Anlass ist die Haltung der israelischen Regierung gegenüber der atomaren Bedrohung durch den Iran sowie die Bereitschaft der deutschen Regierung, ein U-Boot an Israel zu liefern.

„Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“, dichtet Grass, und setzt hinter seine Hauptthese sicherheitshalber ein Fragezeichen. Und weiter steht zu lesen: „Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.“

Grass insinuiert, dass die „unkontrollierte Atommacht Israel“ einen „Erstschlag“ plane, „der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.“ Und Deutschland wolle Israel eben dabei mit einem U-Boot unterstützen.

Was dem SPIEGEL (7.4.2012) am liebsten wäre: „Bitte nicht schon wieder eine Debatte, die keine ist,“ findet allerdings nicht statt. Im Gegenteil. Das deutsche Feuilleton (und nicht nur dieses) kommt seitdem nicht mehr zur Ruhe. Die Diskussion über Pro und Contra Grass’ Angriff auf Israel reißt nicht ab. In einem Fernseh-Interview mit der ARD versucht Grass zwei Tage später, zu kalmieren: Er habe nicht ganz Israel kritisieren wollen, sondern nur die Regierung Netanyahu… Doch dieser Wendeversuch vermag die aufgebrachten Gemüter nicht zu beruhigen.

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle nennt Grass’ Argumentation „absurd“: Wer die von Iran ausgehende Bedrohung verharmlose, „verweigert sich der Realität“ (BILD am Sonntag). Für den Holocaust-Überlebenden Marcel Reich-Ranicky ist Grass’ Gedicht „ekelhaft“, „politisch und literarisch wertlos“ (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung). Der deutsche Liedermacher Wolf Biermann nennt Grass’ Verse in „Die Welt“ eine „literarische Todsünde“ und eine „grässliche deutsche Stinkbombe, die mitten in das jüdische Pessachfest platzte.“

Für Henryk M. Broder ist Günther Grass der „Prototyp eines gebildeten Antisemiten“. Im „Hamburger Abendblatt“ schreibt Broder: „Damit im Nahen Osten endlich Frieden einkehrt und auch Günter Grass seinen Seelenfrieden findet, soll Israel ,Geschichte werden’. So sagt es der iranische Präsident, und davon träumt auch der Dichter beim Häuten der Zwiebel.”

Grass habe schon immer ein „Problem” mit Juden gehabt, so Broder, „aber so deutlich wie in diesem ,Gedicht’ hat er es noch nie artikuliert”. In einem TV-Interview mit n-24 verweist Broder insbesondere auf die Infamie Grass’, den iranischen Diktator Ahmedinadschad als „Maulhelden“ zu verharmlosen“.

Frank Schirrmacher, Chefredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zerlegt das Grass-Gedicht „wie ein Ikea-Regal“: „Auf dem Papier sieht alles ganz einfach aus, aber wenn man das fertige Werk erst einmal auseinander genommen hat, kriegt man es einfach nicht mehr zusammen.“ Die bemerkenswerte Analyse der neun Strophen, in der Schirrmacher deren Verfasser u. a. „lyrischen Etikettenschwindel“ nachweist, endet in der Feststellung: „Nein, das ist kein Gedicht über Israel, Iran und den Frieden. Wie könnte es das sein, wo es den iranischen Holocaust-Leugner als ‚Maulhelden’ in einer Zeile abtut und gleichzeitig doch ausdrücklich nur geschrieben ist, um Israel zur Bedrohung des Weltfriedens zu erklären? Es ist ein Machwerk des Ressentiments, es ist, wie Nietzsche über das Ressentiment sagte, ein Dokument der ‚imaginären Rache’ einer sich moralisch lebenslang gekränkt fühlenden Generation.“

Die Verdrehung von Ursache und Wirkung wird nahezu in allen Contra-Kommentaren gegeißelt. Pointiert wie immer schreibt Malte Lehming im Berliner „Tagesspiegel“: „Grass kennt sein Land, er kennt die Menschen, kennt ihre Gefühle und Ressentiments.“ Und: „Er weiß, dass man hierzulande, wenn’s um Juden geht, die Fakten auf den Kopf stellen muss, um tosenden Beifall zu erhaschen. Also nicht sagen, wie es faktisch ist: Der Iran droht Israel mit atomarer Auslöschung, sondern, wie es dem Unterbewusstsein besser passt: Israel droht mit der Auslöschung des iranischen Volkes.“

US-Autor Daniel Jonah Goldhagen ergänzt: „Grass führt die Perversion – die Verkehrung von Opfern zu Tätern – auf ein neues Niveau“ und er kaue „nicht anders als jene am Stammtisch, die kulturellen Klischees und Vorurteile seiner Zeit“ durch („Die Welt“).

Rolf Hochhuth, der u.a. das Drama „Der Stellvertreter“ über den Vatikan in der NS-Zeit geschrieben hat, greift Grass persönlich an: „Du bist geblieben, was Du freiwllig geworden bist: Der SS-Mann, der das 60 Jahre verschwiegen hat, aber den Bundeskanzler Kohl anpöbelte, weil der Hand in Hand mit einem amerikanischen Präsidenten einen Soldatenfriedhof besuchte, auf dem auch 40 SS-Gefallene liegen.“

Auf SPIEGEL online meldet sich der israelische Historiker Tom Segev zu Wort. Er findet, dass es Günther Grass „mehr um sein eigenes Schweigen geht als um die Zukunft der Menschheit. Er tut so, als ob er etwas sagt, das noch niemand gesagt hat. Ich fand das etwas pathetisch: mein Schweigen. Ich glaube, er denkt noch immer an sein SS-Schweigen.“

Auch Grass’ Vorwurf, niemand würde über die Atommacht Israel reden, wird von Segev zurück gewiesen: „Dieses Schweigen gibt es nicht. Die ganze Welt diskutiert darüber. Auch in Israel. Deshalb war meine zweite Reaktion auf das Gedicht dann auch, dass Günter Grass keine Ahnung hat von Iran, von Atomkraft und Strategie.“

Für den deutschen Zentralrat der Juden ist der Grass-Text „unverantwortlich, eine Verdrehung der Tatsachen und ein aggressives Pamphlet der Agitation.“ Präsident Dieter Graumann: „Ein hervorragender Autor ist noch lange kein hervorragender Analyst der Nahost-Politik.“

In der „Bild“-Zeitung sagt der Publizist Michel Friedmann über Grass: „Wie krank ist die Argumentation, er habe über Jahrzehnte schweigen müssen, um nun endlich der Welt zu erklären, der jüdische Staat ist die größte Bedrohung für die Menschheit? Es wäre besser gewesen, Grass hätte weiter geschwiegen. Grass spielt mit antisemitischen Klischees. Unverzeihlich wäre es, wenn er selbst daran glaubt.“ Friedman wirft Grass zudem vor, er habe „über 50 Jahre ‚vergessen’ und uns verschwiegen, dass er Mitglied der Waffen-SS war.“ In dieser Zeit habe Grass sich als „Aufklärer und engagierter Kämpfer gegen Antisemitismus und Nazis“ aufgespielt. Das sei: „unglaubwürdig“ und „Heuchelei“.

Unterstützt wird Grass – abgesehen von Lobeshymnen aus dem Iran und aus der rechtsextremen Politszene Deutschlands – vom Präsidenten des deutschen Pen-Zentrums, Johano Strasser, der die Meinung des Schriftstellers teilt: Er warne dringend vor Waffenexporten Deutschlands an eine israelische Regierung, die den Anschein erwecke, ein Krieg gegen den Iran sei unausweichlich, sagte Strasser dem NDR.

Und der deutsche Schriftsteller Peter Schneider, der in Berlin lebt, verteidigt im „Tagesspiegel“ das „Recht auf Kritik an Israel“: „Auch wenn Günther Grass in seinem Text einige fatale Fehler unterlaufen sind – es ist der Iran, der Israel mit Auslöschung droht und nicht umgekehrt – hat er mit Einigem Recht.“ Und Schneider bekrittelt die Kritik an Grass: „Es steht dann immer schnell der Vorwurf des Antisemitismus im Raum, aber dieser Vorwurf läuft oft auf eine Zensur des Denkens hinaus. Grass und Walser sind keine Antisemiten.“

Auch der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, nahm Grass gegen Kritik in Schutz: “Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden.” (“Mitteldeutschen Zeitung”).

Die Liste all jener, die sich zu Grass’ „Was gesagt werden muß“ geäußert haben, ließe sich noch sehr lange fortsetzen. Wir haben auf die Veröffentlichung dieses – unserer Meinung nach – Skandal-Gedichtes unverzüglich reagiert. Wir haben klar und unmissverständlich unsere Meinung gesagt. Dass dies richtig und notwendig war, zeigt die rege Diskussion, die auf unserer Facebook-Seite nachzulesen ist. Wir danken allen, die daran teil genommen haben und immer noch etwas dazu zu sagen haben.

Wir finden es äußerst befremdlich, dass die IKG zu diesem brisanten Thema ganz offenkundig nichts zu sagen hat. Außer zwei dpa-Meldungen findet sich auf der Homepage der IKG-Wien nichts- als ob das uns in Österreich überhaupt nichts anginge.

Wir von der Initiative Respekt wissen, dass es sich lohnt, über den Tellerrand hinaus zu schauen. Und dass es notwendig ist, sich zu äußern, wenn es darauf ankommt.

Eine Kultusgemeinde, die für alle ihre Mitglieder da ist schweigt nicht, wenn der «erhobene Zeigefinger» Deutschlands Aussagen tätigt, die Israel und das gesamte jüdische Volk diffamieren.

Einige Links zum Thema:

Tags: ,