Kontroverse um Ariel Muzicants Archiv-Verein

„Das Archiv“ oder genauer die diversen Archive mit Dokumenten zur Geschichte der IKG beinhalten riesige Bestände über die Geschichte unserer Gemeinde.

Unmengen an Dokumenten lagern in Wien, weitere Archivbestände befinden sich im Burgenland, Polen, Russland, Tschechien und in Israel, um deren Rückführung nach Wien sich die IKG bemüht. Mittlerweile soll ein Gerichtsverfahren gegen die Hebrew University Jerusalem anhängig sein. Allein aus der Kriegszeit gibt es im Archiv über 14 Millionen Dokumente die inventarisiert und digitalisiert werden. Da wird von den MitarbeiterInnen der IKG-Abteilung Archiv enorme Arbeit geleistet.

Aus der heutigen IKG kommen laut Auskunft der Archivleitung jedes Jahr ungefähr 500.000 Dokumente (150 Kartons) hinzu!

Alle Bestände sollen nun aufgearbeitet werden, selbstverständlich unter Wahrung aller Archivgesetze und gesetzlichen Sperrfristen.

Die Aufarbeitung soll in zwei Hauptbereiche aufgeteilt werden.

  1. Für die Zeit von 1919-1945, also auch die Zeit der Shoah, ist das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) zuständig. In diesem Jahr ist die Übergabe jener Materialien über diesen Zeitraum geplant, die „für die Holocaust-Forschung erforderlich sind“. Ihr liegt ein umfangreicher Leihvertrag zugrunde.
  2. Für die Zeit von 1945 bis heute hingegen hat unser ehemaliger Präsident Ariel Muzicant einen von der IKG völlig unabhängigen privaten Verein gegründet.

Er begründete das in einer Plenarsitzung des Kultusrats so, dass er ein besonderes persönliches Interesse an der Aufarbeitung der Nachkriegs-Geschichte der IKG habe, da er ja so viele Jahre selbst so eng mit ihr verbunden sei.

Der „Verein Freunde und Förderer der Archive und Dokumentensammlungen der jüdischen Gemeinden Österreichs“ soll nun in Zusammenarbeit mit der IKG „vornehmlich die Geschichte der IKG nach 1945 erforschen“ und „entsprechende Publikationen anfertigen“. Selbstverständlich sollen wie beim VWI alle Eigentums-und Nutzungsrechte bei der IKG verbleiben.

Nun wurde dem Plenum am 21. Februar das Übereinkommen zwischen der IKG und dem neuen privaten Verein zur Abstimmung vorgelegt. Der Verein soll eine ganze Reihe der Aktivitäten des IKG-Archivs unterstützen, Spenden sammeln, jedoch auch „alle Schritte und Maßnahmen setzen, um die Abteilung Archiv der IKG Wien zu unterstützen …. und in Absprache mit der Leitung des Archivs der IKG Wien das Material zu ordnen, zu inventarisieren, zu digitalisieren und somit für einen öffentlichen Zugang zu erschließen“.

Darüber hinaus ist im vorgelegten Übereinkommen ein Passus enthalten, der im Falle einer nicht einvernehmlichen Vertragsauflösung seitens der IKG vorsieht, dass sie dem Verein die erhaltenen Leistungen abzugelten habe.

Dieser Passus wurde vom neuen Vizepräsidenten Chanan Babacsayv in der Sitzung vehement beeinsprucht da dadurch im schlimmsten Fall enorme Kosten auf die IKG zukommen könnten. Es wurde vereinbart, dass dieser Passus dahingehend geändert werde, die Entschädigung geld-oder zeitmäßig zu deckeln. Das Übereinkommen an sich wurde jedoch mit dieser Einschränkung vorab vom Plenum mehrheitlich angenommen, egal, wie die konkrete Abmachung dann aussieht…

Wir möchten hier die folgenden Fragen aufwerfen:

  • Sollten das IKG-Archiv und die Archivierungs-Arbeit nicht ganz in der IKG verbleiben?
  • Wer sind eigentlich neben Ariel Muzicant die leitenden Personen des Vereins?
  • Welche Qualifikationen haben die MitarbeiterInnen des Vereins vorzuweisen?
  • Wie stehen wir zu einer faktischen Auslagerung des IKG-Archivs ab 1945?
  • Ist der Zugang für Forscher entsprechend den gängigen akademischen Kriterien gewährleistet? Ist sichergestellt, dass auch kritisch geforscht werden darf?

Wir sind sehr besorgt darüber, dass dieser wichtige Teil unserer Geschichte praktisch mit Hilfe, oder von einem privaten Verein erforscht wird.

Der Verein würde ja zwangsläufig politische und öffentliche Aktivitäten setzen, die völlig außerhalb des Wirkungsbereichs der IKG liegen – zum Beispiel, wie im Übereinkommen auch angeführt, „Räumlichkeiten für die fachgerechte Unterbringung des Gesamtarchivs der IKG Wien zu finden bzw. zu schaffen“. Das könnte durchaus bedeuten, dass der private Verein außerhalb der IKG ein Museum/Archiv gründet oder errichtet – auch wenn die Archivarien im Eigentum der IKG verbleiben.

Es wäre, wie wir glauben, eine viel bessere Optik, wenn alle Arbeiten am Archiv innerhalb der IKG stattfänden und sich der Verein auf das Aufbringen der notwendigen Mittel konzentrierte. Auch ein eventuelles großes IKG-Archiv in einem eigenen Gebäude muss, so glauben wir, hinsichtlich Planung und Verwirklichung direkt der IKG unterstehen und nicht einem privaten Verein.

Eine seriöse Leitung der IKG würde alle Aspekte dieses Vorhabens zumindest mit den Kultusräten genau diskutieren und Pro und Kontra abwägen. Darüber hinaus hätte eine Vertragsauflösungsklausel, wie sie ursprünglich vorgesehen war, nie kommentarlos oktroyiert werden dürfen, so dass sie beinahe abgesegnet wurde. Initiative Respekt! plädiert dafür, dass die so wichtige Geschichte unserer Gemeinde fest in der Hand der IKG bleibt.

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