Antisemitismus

Im Gegensatz zu Deutschland war 1945 und danach die Hauptsorge der Österreichischen Zweiten Republik, ob die österreichische führende Elite die verschiedenen Forderungen, die an sie gestellt wurden, in ideologischer, verfassungsrechtlicher und politischer Hinsicht erfüllen wollte und würde. Und wenn ja, dann in welcher Form.

Das Resultat war die Konstruktion eines Selbstbildes, in dem die „Jüdische Frage“ weniger geleugnet als vielmehr verschwiegen und verdrängt wurde: Verschweigen statt aufarbeiten.

Eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten schreibt das Ausbleiben einer öffentlichen Auseinandersetzung mit der „Jüdischen Frage“ dem antisemitischen Bodensatz der politischen Eliten zu. Bekanntestes Beispiel: Der sozialistische Innenminister Oskar Helmer, der ausgerechnet am 9. November 1948 bei einer Diskussion um erbloses jüdisches Vermögen erklärte: „Ich wäre dafür, dass man die Sache in die Länge zieht. […] Die Juden werden das selbst verstehen, da sie im klaren darüber sind, dass viele gegen sie Stellung nehmen.“

Letztendlich mündete diese Politik in einer neuen Gemeinschaft von „Opfern“, in der die Juden einen unbedeutenden Platz innehatten: Sie waren Opfer wie alle anderen auch und die nationalsozialistische Politik, die Juden betreffend, wurde heruntergespielt oder verschwiegen.

Das Bemühen, es den vier Besatzungsmächten Recht zu machen und gleichzeitig das Bekenntnis zu einer westlichen Demokratie in die Praxis umzusetzen, hatten für die Politik von damals absoluten Vorrang. Daher ist es wenig überraschend, dass die „Jüdische Frage“ im österreichischen offiziellen kollektiven Gedächtnis über die Nazi-Zeit eine untergeordnete Rolle zugewiesen bekam.

Wenn man diese Einstellung der politischen Eliten unterschiedlicher Couleurs in Betracht zieht, ist die Entwicklung von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit speziell seit dem Präsidentschaftswahlkampf Kurt Waldheims und dem danach folgenden Aufstieg der FPÖ nicht verwunderlich. „Hoffähig“ wurden Antisemitismus und Rassismus mit Hilfe Wolfgang Schüssels, der als Wahlverlierer von der damals stärkeren FPÖ zum Kanzler gekürt wurde. Schüssel, Kanzler von Gnaden der FPÖ, hatte mit seiner auf den dritten Platz abgerutschten ÖVP wenig Handlungsspielraum gegenüber den Freiheitlichen, wollte er Kanzler bleiben. Er selbst war in seinen Formulierungen über den damaligen deutschen Bundesbankpräsidenten zum Beispiel („richtige Sau“) und den dänischen Ministerpräsidenten („Trottel“) politisch wenig klug und hat die ständig mehr und lauter werdenden antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Hetzaussagen der FPÖ einfach ignoriert.

Der Rest ist leider nicht Geschichte, sondern Gegenwart.

Als jüdische ÖsterreicherInnen haben wir die Aufgabe, uns dem Thema zu stellen und alles, was uns möglich ist, konsequent und nachhaltig dazu beizutragen, dass Vorurteile verschwinden. Das wird leider Zeit brauchen, aber wenn wir nicht heute beginnen, wird es vermutlich morgen nicht besser werden.

Wir wollen

  • Eine grundsätzliche wissenschaftliche Aufarbeitung der Themen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und das Entwickeln von Methoden, um Vorurteile erfolgreich abzubauen.
  • Einen politischen Think-Tank quer durch alle österreichischen Parteien mit Beteiligung von Politikern aus Deutschland und der Schweiz, der sich mit diesem für unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben in Österreich und Europa so wichtigen Thema auf internationaler (partei)politischer Ebene beschäftigt. Gemeinden in anderen Ländern, Ungarn zum Beispiel, könnten davon übernehmen, was ihnen sinnvoll erscheint.
  • Schulmaterialien zur Verwendung im Regelunterricht, damit alle Kinder verstehen lernen, wo Vorurteile herkommen und Lehrpersonen in die Lage versetzt werden, die Dynamik von Vorurteilen zu verstehen und für sich selbst und ihre Schülerinnen zu de-konstruieren. Das wird deshalb immer wichtiger, weil die Zeitzeugen, die bisher durch ihre persönlichen Schicksale alte Muster sprengen konnten, immer weniger werden.
  • Eine enge Zusammenarbeit mit jüdischen Gemeinden in ganz Europa, um voneinander zu lernen und gemeinsam neue Strategien zu entwickeln.
  • Eine Informationskampagne über die Vielfältigkeit modernen jüdischen Lebens in Österreich und Europa.
  • Enge Kooperationen mit all jenen Institutionen und NGOs, die sich in ihrer täglichen Arbeit mit dem Abbau von Vorurteilen beschäftigen.