Jüdische Friedhöfe

Nach religiösem Recht müssen jüdische Friedhöfe auf ewige Zeiten bestehen bleiben. Unsere Friedhöfe sind vielfach die letzten Zeugen einer zerstörten Welt. Die Nachkommen der dort beerdigten Personen sind entweder ermordet worden oder geflüchtet und daher sind meisten Friedhöfe verwaist.

Im österreichischen Bewusstsein werden Friedhöfe fast ausschließlich als Kostenfaktor gesehen. Christliche Gräber werden aufgelassen, wenn niemand mehr dafür bezahlt und Friedhöfe bei Bedarf sogar in Bauland umgewidmet. In der Öffentlichkeit besteht deshalb praktisch kein gewachsenes Verständnis für halachische Notwendigkeiten. Auf der anderen Seite sind sich weder Politik, noch Verwaltung oder Öffentlichkeit darüber im Klaren, dass jüdische Friedhöfe wesentliche Zeugen lokaler Geschichte, Kultur und Kunst sind und alleine deshalb für Österreich  großen Wert haben.

Die Sanierung der Friedhöfe hat allerdings nicht nur historisch und denkmalpflegerisch, sondern vor allem auch finanziell immense Dimensionen. Derzeit gibt es in der IKG jedoch keine Person, die sich verantwortlich um das Thema kümmert, es vorantreibt, oder zumindest den Behörden als kompetente Ansprechperson zur Verfügung steht. Die Behörden haben immer wieder mit unterschiedlichen Verhandlungspartnern von Seiten der IKG zu tun, deren Prioritäten, Wünsche und Ansprüche sich zusätzlich auch noch von einander unterscheiden. Das führt zu Ratlosigkeit, Verwirrung und Frustration in der österreichischen Verwaltung.

Die Fakten:

  • Wir haben insgesamt 69 jüdische Friedhöfe, die dringend einer Sanierung und kontinuierlicher Pflege bedürfen. Derzeit laufen sehr zähe Verhandlungen mit den Gemeinden über die so genannten Pflegevereinbarungen.
  • Vom Nationalrat wurde der Fonds zur Sanierung und Sicherung der jüdischen Friedhöfe Österreichs eingerichtet, der ab 2011 über 20 Jahre jährlich einen Betrag von 1 Million Euro ausschüttet – allerdings nur, wenn die IKG als Eigentümer ebenfalls jährlich 1 Million Euro in die Sanierung steckt.
  • Es ist gelungen mit einigen Bundesländern Vereinbarungen zu treffen, 25% der Kosten zu tragen. Trotzdem müssen in den nächsten 20 Jahren jährlich zumindest 750.000 Euro/Jahr aus dem IKG- Budget kommen – das sind insgesamt 15 Millionen Euro!

Die Aufgabe der IKG sollte nicht in der Finanzierung bestehen sondern einerseits in der religiösen Unterstützung und Begleitung, damit alle Arbeiten Halacha-konform gemacht werden und andererseits – unter Einbeziehung der anderen Jüdischen Gemeinden – in der österreichweiten Koordination des Themas.

Die Voraussetzungen für einen nachhaltigen Erfolg sind:

  1. Die Einbeziehung sämtlicher beteiligter Stellen
  2. Die Einbindung kompetenter ExpertInnen
  3. Die fachgerechte Beseitigung der Schäden
  4. Die kontinuierliche, sachgerechte Pflege des Bewuchses
  5. Internationale Kooperationen, um aus den Erfahrungen in anderen Ländern zu lernen und sich dringend notwendige Unterstützung holen zu können

Dazu bedarf es einer Strategie und eines Zeitplans:

  1. Basis: historische und gärtnerische Dokumentation
  2. Diskussion, Entwicklung von Zielvorstellungen
  3. Arbeitsgruppen, internationale Kooperationen
  4. Einzelkonzepte, Kostenerhebungen, Masterplan
  5. Durchführung
  6. Dauerhafte Aufrechterhaltung des Erreichten

Die größeren Friedhöfe sind spektakulär und könnten sich – ähnlich wie der Friedhof in Prag – als Museen zumindest teilweise finanziell selbst tragen. Sie müssen der Bevölkerung und der Politik als Kultstätten, Erinnerungsorte und Denkmalensembles ins Bewusstsein gerufen werden. Nur so kann ihr Erhalt gesichert, und ihnen ihre Würde zurückgegeben werden.

Die Erhaltung der ganz kleinen Friedhöfe ist für die Ortsgemeinden und die Länder in guten wirtschaftlichen Zeiten keine große Belastung – derzeit sind aber nahezu alle österreichischen Gemeinden überschuldet. Daher müssen mit den Gemeinden Konzepte erarbeitet werden, wie die Sanierung der Friedhöfe im Einzelfall möglich ist. Ein lokalhistorischer und/oder denkmalpflegerischer Ansatz kann Freiwilligenarbeit motivieren und überdies dazu beitragen, dass eine nachhaltige Aufarbeitung der Ortsgeschichte – auch die der Shoah – passiert.

Wir fordern:

  • Dass die aktiven Friedhöfe finanziell, verwaltungstechnisch und inhaltlich von den historischen, verwaisten Anlagen getrennt werden.
  • Dass in Österreich wie seit 1957 in Deutschland eine Vereinbarung zwischen Bund, Ländern und Ortsgemeinden zur Sanierung und Pflege der verwaisten jüdischen Friedhöfe getroffen wird. Die jüdischen Gemeinden dürften, diesem Modell folgend, für die Erhaltung der historischen Friedhöfe nichts zahlen müssen.
  • Dass der Staat langfristig die Verantwortung übernimmt und dafür sorgt, dass das jüdische Kulturgut erhalten wird.
  • Dass die Kultusgemeinde die Verantwortung dafür übernimmt, dass diese Erhaltung möglich ist und nicht durch mangelnde Fachkompetenz von Personen oder Schwächen der IKG Struktur behindert wird.
  • Dass die Kultusgemeinden ihre aktiven Friedhöfe pflegen und hierfür die finanzielle Verantwortung tragen. Das beinhaltet auch, sich Unterstützung von der öffentlichen Verwaltung zu holen.
  • Die Erstellung eines „Master-Plans“ der genau definiert, wie detailliert aus wirtschaftlicher und religiöser Sicht und auf der technisch-konservatorischen Ebene restauriert werden darf/soll.
  • Die Konzepte und Inhalte müssen anerkannte Fachleute liefern.
  • Die Ernennung eines Friedhofsbeauftragten der IKG mit Erfahrung in der Organisation und Koordination eines Projekts ähnlicher Komplexität, Liebe zum Thema, historischem Interesse und der Bereitschaft, sich breit zu informieren. Er soll die IKG bei der Erstellung und der Durchführung des Master Plans unterstützen. Er soll die IKG in diesem Bereich nach außen vertreten und alle Arbeitsbereiche und Partner koordinieren.