Jüdische Identität in Europa

Schicksalsgemeinschaft

Jüdische Identität war über Jahrhunderte durch die gemeinsame Religion einerseits und die Gesetze der jeweiligen Machthaber andererseits definiert. Heute Jude sein lässt sich allerdings ebenso wenig über die gemeinsame Religion definieren wie bei den intellektuellen und assimilierten Juden vor 1938. Die auf Assimilation begründete Definition von Jude sein, nämlich die Gleichstellung mit allen anderen Bürgern außer der Religionszugehörigkeit, hat mit der Shoah ihren Sinn verloren.

Während der Shoah wurden Juden nicht ihrer Religion wegen deportiert und umgebracht, sondern als „Rasse“. Als Jude wurde man bezeichnet, gleichgültig ob man sich selbst als Jude verstand oder nicht. Auch der Übertritt in eine andere Religion war keine Rettung. Die Shoah einerseits und die Gründung des Staates Israel andererseits haben das Bewusstsein gestärkt, einer Schicksalsgemeinschaft anzugehören.

Die Shoah als das zu bezeichnen, was sie war, ist ein moralischer Imperativ ebenso wie die Verurteilung jeder Form von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Der Holocaust ist Teil unserer Geschichte und auch wenn wir ihn nie vergessen können und dürfen, ist es an der Zeit, ihn zu überwinden. Erinnerung kann nicht die zentrale Aufgabe einer ganzen Gemeinschaft sein. Man kann nicht gleichzeitig „Opfer“ bleiben und als dynamische Kraft die Entwicklung seines Landes und Europas mit gestalten.

In der gesamten europäischen Geschichte hat es nie eine bessere Zeit für das Zusammenleben der Kulturen und damit auch für das Judentum gegeben als heute. Wir leben in europäischen pluralistischen Demokratien, deren Rechtslage garantiert, dass alle Bürger sich an der Entwicklung von Demokratie, Wirtschaft und Gesellschaft beteiligen können.

Seit fast 2.000 Jahren leben Juden in Europa; sie waren den größten Teil dieser Zeit von den jeweiligen Machthabern aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Das ist kein Grund dafür, sich heute selbst aus der Gesellschaft des Landes, in dem man lebt, und/oder aus der europäischen Gesellschaft auszuschließen.

Jüdische Europäer

Es ist an der Zeit, dass wir als Juden beginnen, den europäischen Anteil unserer Identität anzunehmen. Dazu müssen wir uns allerdings unserer Voll-Mitgliedschaft in den Gesellschaften unserer Länder und unserer Rolle als Bürger Europas bewusst werden. Das bedeutet, dass wir den Mut aufbringen müssen, mit unserer Vergangenheit als Verfolgte abzuschließen.

Die Opfer-Haltung beizubehalten hieße, dass sich Juden per Selbst-Definition als „die Anderen“ in der europäischen Gesellschaft sehen und auch, dass sie an einer Kollektivschuld festhalten. Eine solche Haltung bringt eine Schieflage, gibt dem europäischen Antisemitismus Rückenwind und schwächt damit die Demokratie.

Wir als jüdische Europäer sollten uns darauf fokussieren, unseren Platz in Europa einzunehmen und Europa mit unserem Wissen, Können und Engagement mit zu gestalten. Die nicht-jüdischen Bürger sollten den wesentlichen Beitrag jüdischen Denkens und jüdischer Kultur zur Entwicklung Europas erkennen und verstehen, dass er auch in Zukunft für alle bereichernd ist. Jüdische Kunst und Literatur sollten nicht in eine separate Kategorie eingeteilt werden, doch ihr jüdischer Inhalt auch nicht ignoriert werden.

Vielfältige Wurzeln

Heute sind längst nicht alle jüdischen Europäer Shoah-Überlebende oder deren Nachkommen. Viele von ihnen kommen aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Nordafrika, aus Libyen, Syrien, dem Libanon, Iran, der Schweiz und Schweden. Sie sind nicht alle in erster Linie durch den Holocaust geprägt, sondern durch die jeweils sehr unterschiedliche Historie der Länder, aus denen sie kommen. Sie haben sich im neuen Europa mit Shoah-Überlebenden und deren Kindern als gleichberechtigte Europäer in den neuen jüdischen Gemeinden zusammengefunden, meist Mitglieder der Mittelklasse, mit durchwegs hohem Bildungsstand, überwiegend in den großen Städten.

Es gibt so viele Zugänge zu unserer Religion und unserer gemeinsamen Geschichte, wie es Menschen gibt und eine ebenso große Vielfalt an Möglichkeiten, Judentum zu leben – wie vollkommene Assimilation, liberales Reformjudentum, die Entscheidung zur Rückkehr zum Judentum im Laufe des Lebens oder das Entstehen eines Zusammengehörigkeitsgefühls angesichts eventueller Bedrohungen von außen. Dazu zählt auch die Möglichkeit, seine Identität aktiv im Judentum zu leben und es als wichtige Verpflichtung zu verstehen. Oder, wie in der Orthodoxie, das Judentum als kategorischen Imperativ für die Lebensgestaltung zu begreifen. Gleichgültig, wo man sich dazu zählt: jede und jeder hat ihre/seine ganz individuelle jüdische Identität. Daher ist die Schaffung einer gemeinsamen neuen jüdischen europäischen Identität kein einfaches Unterfangen.

In den pluralistischen europäischen Demokratien ist Identität heute grundsätzlich nuancierter und komplexer als noch vor fünfzig Jahren, da Menschen nicht mehr bloß abstrakte Bürger mit ihrer Religion und politischen Überzeugungen sind, sondern ihre komplexen Identitäten leben können. Für uns bedeutet die Komplexität jüdischer Identität jedoch viel mehr: Gleichzeitig gleich und anders sein.

Jüdische Gemeinde

Es ist unmöglich, jüdische Identität fein säuberlich zu definieren, da jeder Mensch sie anders empfindet. In den demokratischen Gesellschaften Europas kann man heute in einem religiösen, kulturellen, intellektuellen, ethnischen, ja sogar politischen Sinn jüdisch sein.

Zu den wichtigsten Elementen von Identität gehört die Sprache. Die Muttersprache der meisten Juden in der Diaspora ist die jeweilige Landessprache, das Hebräische wird für sie immer eine zweite Sprache bleiben – und das macht uns stärker zu jüdischen Europäern als zu europäischen Juden.

Auf dem einst tragischen Trümmerhaufen Europa entsteht ein neues kulturelles und soziales Phänomen. In jenen europäischen Ländern mit einer bedeutenden jüdischen Geschichte gibt es einerseits eine Bereitschaft, die eigene Holocaust-Geschichte zu verarbeiten, und andererseits eine Wiedergeburt des Judentums in einer Art von „jüdischem Raum“.

Alle jüdischen Europäer sind Mitglieder einer geschichtlichen, einer kulturellen- oder einer Schicksalsgemeinschaft. Im heutigen Europa sind sie freiwillig Juden: sie können frei wählen, wo sie leben und auf welche Art sie ihr Judentum leben wollen. Niemand ist gezwungen, einer Gemeinde anzugehören. Am einen Ende des breiten jüdischen Spektrums steht die Ultra-Orthodoxie, die immer noch in selbst gewählten streng getrennten Ghettos lebt. Im vielfältigen Europa muss sie ihren Platz behalten, denn sie verbindet das Judentum mit einem lebenden talmudischen Glauben. Am anderen Ende des Spektrums gibt es jüdische Wissenschaft, eine bunte jüdische Medienlandschaft und eine zeitgenössische Kunst, Fotografie, Literatur, die sich zunehmend der Darstellung von jüdischem Leben widmet und nicht mehr ausschließlich dem jüdischem Sterben und der Shoah.

Einer jüdischen Gemeinde anzugehören, ist eine individuelle Entscheidung. Es ist daher umso wichtiger, dass sie allen Juden gleichermaßen offen steht und alle willkommen heißt. Die neuen Jüdischen Gemeinden müssen dem Pluralismus Raum geben, der in der Realität des breiten Spektrums jüdischer Identitäten existiert, damit sich auch jene damit identifizieren können, die nur eine vage Ahnung von jüdischen Vorfahren in sich tragen oder sich ein paar Mal im Jahr zu den Feiertagen oder anlässlich von latentem oder offenem Antisemitismus auf ihr Judentum besinnen.

Wir finden es hoch an der Zeit, dass auch unsere Gemeinde diese Zeichen der Zeit sieht. Noch immer heißt sie Israelitische Kultusgemeinde (IKG). Im Vordergrund steht also Kultus – Religion und deren Ausübung – wie auch die österreichische Gesetzgebung an der Bezeichnung „Israelitische Religionsgesellschaft“ festhält. Im Europa der offenen Grenzen muss eine Jüdische Gemeinde das Verbindende und Gemeinsame der unterschiedlichen jüdischen Identitäten stärken. Das ist nicht möglich, wenn sie sich auf Verwaltung, Kultus und Religion – vielleicht ergänzt um Wehmut nach dem Schtetl – beschränkt.

Eine moderne Jüdische Gemeinde hat die Aufgabe, allen jüdischen Menschen im breiten Spektrum von Identitäten die Möglichkeit zu geben, sich als zugehörig und mit anderen verbunden zu fühlen.

Jüdische Gemeinden in Europa dürfen heute auch kein Inseldasein mehr führen – das birgt die Gefahr, zu kleinen, abgeschotteten, orthodoxen Enklaven zu werden. Sie sollen in den verschiedensten Bereichen enge Verbindungen knüpfen, gestalten und pflegen. Ein Beispiel: Das Wiederaufleben zahlreicher osteuropäischer Gemeinden ist das Ergebnis solcher enger Verbindungen zwischen Europa, Israel und den USA. Früher hat dieses Netzwerk (über-) lebensnotwendige Hilfe geleistet, oder dazu gedient, Juden die Migration oder Rettung nach Israel zu ermöglichen. Heute trägt es dazu bei, sicher zu stellen, dass Juden beinahe überall dort leben können, wo sie wollen, um ihr reiches kulturelles Erbe zu sichern und an die nächsten Generationen weiter zu geben.
Unsere Empfehlung für alle, die sich weiter in dieses Thema vertiefen möchten:

  • http://www.injoest.ac.at/institut/downloads/juedische_lebensgeschichten._erinnertes_leben_-_erzaehltes_gedaechtnis/#A465
  • http://www.hagalil.com/bet-debora/golem/europa.htm 1